Vor einer Mauer aus Ignoranz
- Patienten mit chronischen Schmerzen finden wenig Verständnis -
Birgitta Gibson, Frankfurt
Ein gesunder Mensch kann sich kaum vorstellen, in welchem Ausmaß chronische Schmerzen die Lebensqualität beeinträchtigen. Trotzdem - oder deshalb vielleicht - werden Patientinnen und Patienten mit schweren Dauerschmerzen vielfach nicht ernst genommen: von Ärzten, Behörden, Krankenkassen und Politikern. Die Betroffenen stehen vor einer Mauer aus Ignoranz, Arroganz und Inflexibilität. Nur die wenigsten wissen, dass selbst stärkste Schmerzen zumindest gelindert werden können und dass sie ein Recht auf eine angemessene Behandlung haben. Und selbst wenn die Betroffenen dies wissen, wird es für sie - angesichts der aktuellen Gesundheitspolitik - immer schwieriger, ihr Recht auch durchzusetzen.
Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden, finden in unserer Gesellschaft kaum Verständnis - oft nicht einmal bei jenen, die aufgrund ihres Berufes dazu verpflichtet sind, Schmerzen zu lindern, den Ärzten.
Nicht viel besser verhalten sich viele Behörden, Krankenkassen und Politiker: Als Betroffene gewinnt man den Eindruck, dass Institutionen, die die Situation chronischer Schmerzpatienten verbessern könnten, die neuen Erkenntnisse der modernen Schmerzforschung einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Dabei sind die Botschaften der Experten klar und eindeutig. Erstens: Bleiben Schmerzen unbehandelt, können sie sich im Nervensystem "einbrennen" und damit verselbstständigen. Zweitens: Ein Patient, der über Schmerzen klagt, bildet sich diese nicht ein, sondern hat sie. Drittens: Es gibt moderne, multimodale Therapiekonzepte, um selbst stärkste chronische Schmerzen zumindest zu lindern.
Obwohl engagierte Schmerzforscher, Schmerztherapeuten und Selbsthilfeorganisationen wie die Deutsche Schmerzliga seit vielen Jahren diese Botschaften gebetsmühlenartig verbreiten, stoßen betroffene Patienten noch immer auf eine Mauer aus Ignoranz, Arroganz und Inflexibilität.
Leidensfähige Ärzte
"Ärzte sind äußerst leidensfähig, wenn es darum geht, die Schmerzen ihrer Patienten zu ertragen", sagt Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. Nichts belegt diese Einschätzung besser als ein Satz, den Schmerzpatienten sehr häufig von ihren Behandlern zu hören bekommen: "Mit Ihren Schmerzen müssen Sie einfach leben".
Diese offenkundige Bankrotterklärung vieler Mediziner angesichts chronischer Qualen dokumentiert nicht nur mangelndes Wissen über die Möglichkeiten moderner Schmerztherapien. Sie suggeriert den Patienten darüber hinaus vor allem, dass sie keine Hilfe mehr erwarten können, also eine effektive Behandlung nicht möglich ist. Angesichts einer solchen "Perspektive" fühlt man sich als Patient abgeschoben und zur Hoffnungslosigkeit verdammt.
Es bleiben dann nur zwei Möglichkeiten: Man resigniert gleich oder man sucht den nächsten Arzt auf. Da die Wahrscheinlichkeit ziemlich gering ist, dabei frühzeitig auf einen kompetenten Schmerzspezialisten zu treffen, ist das Risiko hoch, dass dies zum Anfang einer langen "Patientenkarriere" in wechselnden Praxen und Kliniken wird.
Jeder Arztbesuch ist begleitet von neuer Hoffnung auf Hilfe, erneute Untersuchungen, neue Behandlungsversuche, weitere Operationen, noch ein Aufenthalt in einer Rehaklinik - und dabei Schmerzen, die Tag und Nacht nicht weichen wollen. Am Ende gewinnen in vielen Fällen Depression, Mutlosigkeit und Resignation die Oberhand. Selbstmordgedanken haben viele Schmerzpatienten, weil sie nicht mehr ein noch aus wissen.
Auf der Abwärtsspirale
Mit hinunter auf dieser Abwärtsspirale rutschen auch die Beziehungen innerhalb der Familie, zu Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen. Schmerzkranke ziehen sich zurück oder werden gemieden, weil viele Menschen nicht wissen, wie sie mit ihnen umgehen sollen.
Kein Patient würde es seinem Arzt verübeln, wenn dieser offen eingesteht, mit den ihm zur Verfügung stehenden Behandlungsmöglichkeiten am Ende zu sein. Doch dieses Eingeständnis, an seine Grenze zu stoßen, fällt vielen Ärzten schwer. Noch schwerer fällt es ihnen offenkundig, den Patienten in einem solchen Fall an einen Schmerztherapeuten zu überweisen oder ihn auf einer Schmerzkonferenz vorzustellen und sich dort Rat von Experten einzuholen.
Versagt ein Behandlungskonzept, kann es vielmehr geschehen, dass der Arzt die Schmerzen als "psychosomatisch bedingt" erklärt. Doch diese, zumeist tröstend gemeinte Aussage, körperlich sei eigentlich alles im Lot, nimmt den Betroffenen ihre Schmerzen keineswegs. Vielmehr sorgt sie für Verwirrung. Denn meistens bleibt der Arzt die Erklärung schuldig, dies bedeute nicht, der Patient sei "verrückt" oder bilde sich seine Schmerzen nur ein. Doch genau diese Botschaft destillieren Betroffene sehr häufig aus derartigen Aussagen. Sie fühlen sich als "Spinner" oder "Hypochonder" abqualifiziert.
Fataler pas de deux
An diesem Punkt nehmen zwei - falsche und aus dem Mittelalter stammende - Denkweisen den Kranken in die Zange: Zum einen die des Arztes, der mit dem Hinweis auf die psychische Ursache der Beschwerden deutlich macht, dass er sich dafür nicht (mehr) zuständig fühlt. Zum anderen jenes in der Gesellschaft und damit auch bei den Patienten verbreitete Vorurteil, Schmerzen könnten nicht "echt" oder real sein, wenn sie keine direkt nachweisbare körperliche Ursache haben.
Dies dürfte auch mit ein Grund dafür sein, dass psychologische oder verhaltensmedizinische Strategien der Schmerztherapie von vielen Patienten abgelehnt werden. Eine solche Skepsis wäre zweifelsohne durch eine entsprechend sachgerechte Information und Aufklärung der Betroffenen zumindest zu beeinflussen.
Falsche Warnungen
Wenn ein Schmerzpatient Glück hat und zumeist nach vielen Jahren frustraner Versuche endlich einen Experten findet, der eine angemessene Behandlung einleitet, ist damit das Leiden jedoch keineswegs zu Ende. Hält der Schmerztherapeut etwa eine Behandlung mit Opioiden für erforderlich, wird der Patient spätestens dann verunsichert, wenn er sein "Betäubungsmittelrezept" zum ersten Mal in der Apotheke einlöst. Bemerkungen wie "Das ist bei uns im Giftschrank, da muss ich den Chef holen!" oder "Was, so schlimm steht es schon um Sie?" oder "Vorsicht, davon können sie süchtig werden!", sind nur einige Beispiele für Aussagen, die sich viele Patienten anhören müssen.
Doch nicht nur offenkundig unkundige Pharmazeuten machen aus ihrer "Sorge um das Patientenwohl" keinen Hehl: Auch mitbehandelnde Ärzte anderer Fachrichtungen, Haus- oder Klinikärzte reagieren oft entsetzt, wenn Patienten berichten, Opioide zu nehmen. Sie verunglimpfen Schmerzkranke als "Süchtige" und behandeln sie wie Junkies. Immer wieder werden Opioide - etwa bei Krankenhausaufenthalten - einfach abgesetzt. Dies vor allem ist ein Hinweis, dass Kenntnisse über eine sachgerechte Opioid-Therapie und deren praktisch ausgeschlossenes Suchtrisiko in der Ärzteschaft außerhalb des engen Kreises der Spezialisten bislang wenig verbreitet sind.
Gesundheitspolitik torpediert die Schmerztherapie
Eigentlich hätten die Schmerzpatienten damit bereits genug Probleme. Doch inzwischen kommt ein weiteres hinzu: die aktuelle Gesundheitspolitik. Diese treibt chronisch Kranke immer stärker in die Defensive.
Zwar versichern Politiker und Krankenkassen ständig, jeder Patient bekäme die Behandlung, die medizinisch erforderlich ist. Doch wie ist es dann zu erklären, dass eine steigende Zahl von Ärzten ihren Patienten mit dem Hinweis auf Regress und Budget plötzlich Behandlungsmaßnahmen verweigern, die bislang als "medizinisch erforderlich" erachtet wurden? Warum raten sie ihren Patienten, "sich das teure Präparat besser von einem anderen Arzt verordnen zu lassen"? Warum werden Schmerzen am Ende eines Quartals anders behandelt als am Anfang? Physiotherapien, für die kein Geld mehr im Topf ist, Hilfsmittel, die verweigert, Medikamente, die aus Kostengründen nicht (mehr) verordnet werden, und Gutachter, die eine notwendige Schmerzbehandlung für zu aufwendig halten - so sieht die Realität aus, mit der Schmerzkranke zunehmend zu kämpfen haben. Was nutzt ein Recht auf Schmerztherapie, wenn es im Alltag zwischen den Mühlsteinen der Krankenkassen, Behörden, ärztlichem Standesgerangel und Politikstreit zerrieben wird?
Auf der einen Seite produziert eine - staatlich geförderte - Schmerzforschung neue Einsichten, neue Konzepte und legt den Grundstein für innovative Medikamente. Auf der anderen Seite bremst und verhindert die derzeitige Gesundheitspolitik die Umsetzung und Anwendung dieser Möglichkeiten. Warum, so fragt man sich als Patient, wird zunächst die Forschung vorangetrieben und danach die Umsetzung der so gewonnenen Erkenntnisse und Möglichkeiten in die ärztliche Praxis torpediert?
Zwei-Klassen-Medizin auf dem Vormarsch
Dieses Paradoxon dürfte noch krasser zu Tage treten, wenn demnächst neue, innovative und damit sicherlich teuere Medikamente zur Schmerzbehandlung in Deutschland zugelassen und neue komplexe Therapieschemata entwickelt werden. Der Privatpatient bekommt sie vielleicht noch verordnet. Der Kassenpatient erhält, zynisch ausgedrückt, als "Trostpflaster" ein Generikum von Aspirin.
Dabei wäre der ökonomische Nachweis erst noch zu erbringen, dass eine sachgerechte und vor allem rechtzeitig einsetzende Schmerztherapie langfristig tatsächlich teurer ist als das, was Patienten mit akuten und chronischen Schmerzen derzeit "geboten" wird. Was kosten die Millionen vergeblicher, weil ineffektiver Therapieversuche durch unkundige Ärzte? Welche Summen verschlingen ständige Arztwechsel, aufwendige apparative Diagnoseverfahren, überflüssige Doppeluntersuchungen, unnötige Operationen und Klinikaufenthalte? Was kostet es die Gesellschaft, wenn Patienten lange Zeit arbeitsunfähig sind und dann in die Frühberentung gehen? Jede Institution will sparen und ihre eigenen "Töpfe" schonen, zur Not auf Kosten anderer Versorgungssysteme - doch die Zeche zahlen letztendlich Patientinnen und Patienten. Sie bezahlen mit ihrer Lebensqualität, Leistungsfähigkeit und Lebensfreude.
Was ist zu tun?
Solange es im Ermessen eines Medizinstudenten und eines Arztes in der Weiterbildung liegt, ob er sich mit dem Thema "Schmerz" beschäftigt oder nicht, bleiben viele Bemühungen, etwa die Einführung der Zusatzbezeichnung "Spezielle Schmerztherapie", nur ein "Tropfen auf dem heissen Stein".
Den gesundheitspolitisch Verantwortlichen muss deutlich werden, dass nichts teurer ist als wirkungslose Therapien: Schmerzen müssen frühzeitig und ausreichend behandelt werden.
Patienten brauchen Informationen über moderne Strategien der Schmerztherapie - und vor allem darüber, wo sie diese bekommen.
Die Existenz spezialisierter Einrichtungen, Schmerzpraxen und Klinikambulanzen, in denen Experten interdisziplinär zusammenarbeiten, muss gefördert werden.
Ärzte müssen die Möglichkeit erhalten, ohne Bedrohung ihrer eigenen wirtschaftlichen Existenz, erforderliche Behandlungen zu verordnen.
Patienten brauchen Selbsthilfe-Gruppen, in denen sie Verständnis und Hilfsangebote zur Selbsthilfe finden.