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Wegweiser zur Schmerztherapie
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10. Oktober 2004

PalliativNetz Wiesbaden – Taunus:
Das Konzept für ein würdevolles Leben bis zuletzt

In Wiesbaden hat ein Team von Expertinnen und Experten verschiedener Fachrichtungen ein Konzept für die hospizliche und palliativmedizinische Betreuung schwerkranker Patienten in ihrer häuslichen Umgebung entwickelt. Das PalliativNetz Wiesbaden - Taunus ist das erste Konzept dieser Art in Hessen und gehört auch bundesweit zu den Vorreitern. Es wurde so gestaltet, dass es im Rahmen der seit kurzem gesetzlich vorgesehenen „Integrierten Versorgung“ realisiert und von den Krankenkassen finanziert werden kann.

Dabei belegen Analysen, dass bis zu 78 Prozent der Menschen zu Hause sterben könnten, wenn die erforderlichen Versorgungssysteme etabliert würden (siehe Grafik rechts).

Eine Untersuchung aus Großbritannien zeigt darüber hinaus, dass eine 14-tägige ambulante Betreuung zu Hause mit etwa 3600 Euro fast um die Hälfte billiger ist als die entsprechende Versorgung in einer Klinik, die für den gleichen Zeitraum 6100 Euro kostet. Unlängst mahnte auch die Weltgesundheitsorganisation WHO, dass die palliativmedizinische Versorgung in vielen Staaten Europas völlig unzureichend sei.

Erhebungsjahr 1999: Palliativ-Pflege(PP), Palliativ-Medizin (PM) PP & PM
Erhebungsjahr 2000: normal und RP-Modellprojekt;
Erhebungsjahr 2002: NRW-Modellprojekt
Quelle: Dr. Thomas Schindler, Palliativmedizinischer Konsiliardienst in NRW

„In der Tat verhindert eine fatale Mischung aus verkrusteten Strukturen und Tabuisierung bei Politikern, Krankenkassen und Ärzteverbänden seit Jahren, dass die Weichen richtig gestellt werden“ klagt Dr. Thomas Nolte vom Schmerz- und Palliativzentrum Wiesbaden, einer der Initiatoren des PalliativNetzes. Geschieht nichts, werden sich die Probleme angesichts der demographischen Entwicklung in der Zukunft weiter dramatisch verschärfen.

Ein Modell für Hessen. Darum hat nun ein Experten -Team ein Konzept für die ambulante Betreuung schwerkranker Menschen in der letzten Lebensphase entwickelt: Das PalliativNetz Wiesbaden – Taunus ist so konzipiert, dass es im Rahmen der vom Gesundheitsmodernisierungsgesetz geschaffenen „Integrierten Versorgung“ aus bestehenden Strukturen weiterentwickelt und von den Krankenkassen auch aus ethisch-humanitären Gründen bezahlt werden muss.

Kooperationspartner sind der ambulante Hospizverein Auxilium e.V., eine Gruppe niedergelassener Ärzte – Allgemein-, Schmerz- und Palliativmediziner –, Psychosoziale Dienste, speziell geschulte Pflegedienste, Apotheker, Physiotherapeuten, kirchliche Einrichtungen sowie die Deutsche Klinik für Diagnostik und die Dr. Horst- Schmidt-Kliniken.

Ressourcen vor Ort nutzen. Das PalliativNetz, das unter entsprechenden Voraussetzungen in ganz Hessen umgesetzt werden kann, arbeitet mit vorhandenen Ressourcen vor Ort. Eine neu zu schaffende Einsatzzentrale, die palliativmedizinisch qualifiziert ist, vernetzt die beteiligten Partner. „Diese Verknüpfung und Steuerung der verschiedenen Kooperationspartner ist entscheidend wichtig“, erklärt Nolte.

Betreut werden die Patientinnen und Patienten in erster Linie von ihrem Hausarzt, der im Idealfall selbst eine palliativmedizinische Basisqualifikation hat und von Schmerz- und Palliativmedizinern unterstützt wird. Hinzu kommen ambulante Palliativ-Care-Teams mit speziell geschulten Schwestern und Pflegern sowie Palliativmedizinern, die zusammen mit dem Hausarzt, ambulanten Pflegediensten, Angehörigen und den Patienten die Versorgung planen und im Bedarfsfall schnell vor Ort sind. Dazu kommen ambulante geschulte Hospiz-Helfer, die sich ehrenamtlich um die Patienten kümmern. Eingebunden sind auch Seelsorger – und bei Bedarf – Kliniken und Hospize.

Ambulanter Palliativdienst als wichtige Säule. Das Herzstück des Konzeptes ist die Einsatzzentrale mit einem geschulten ambulanten Palliativdienst. Dieser ist multiprofessionell zusammengesetzt, arbeitet interdisziplinär, ist 24 Stunden erreichbar, hat primär koordinierende Funktionen und erlaubt oft eine Betreuung bis zuletzt zu Hause. „Was wir Hausärzte brauchen, sind solche Experten im Hintergrund, die 24 Stunden am Tag erreichbar sind – für mich als Hausärztin, für die Angehörigen und den Pflegedienst“, erklärt die Wiesbadener Allgemeinmedizinerin Dr. Michaela Wende. Pro 250 000 Einwohner ist ein derartiger Dienst für eine flächendeckende Versorgung nötig. Um ganz Hessen mit seinen sechs Millionen Einwohnern zu versorgen, wären demnach etwa 24 Dienste erforderlich. Bundesweit liegt der Bedarf bei 328 Teams.

Effiziente ambulante Hilfe ist möglich. „Durch den richtigen Einsatz der modernen therapeutischen Möglichkeiten lässt sich bei den meisten Erkrankungen heute eine ausreichende Schmerzlinderung erzielen“, betont Nolte. Auch für eine wirkungsvolle Kontrolle schwerwiegender Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Appetitmangel, Atemnot und Schwäche existieren überprüfte und wirkungsvolle Therapiestandards.

Viele Patienten quälen neben den körperlichen Symptomen jedoch auch die Sorge um noch offene soziale Fragen und möglicherweise ungelöste psychische Konflikte. „Die Einheit von Leib und Seele“, weiß Doris Sattler vom ambulanten Hospizdienst Auxilium, „schürt wechselseitig das physische Leid und die psychische Not.“ Jeder ungelöste Konflikt verstärkt körperlichen Schmerz und jeder nicht ausreichend behandelte körperliche Schmerz behindert die Lösung psychosozialer Fragen. Sattler: „Mit Sinnfragen können sich die Betroffenen erst dann beschäftigen, wenn ihre physische Not in erträglichen Grenzen eingedämmt wurde. Hier stehen wir als Hospizverein den Betroffenen zur Seite.“

Defizite der Medizinerausbildung und das Fehlen schmerz- und palliativmedizinischer Diagnose- und Therapieverfahren in den Leistungsverzeichnissen für gesetzlich Krankenversicherte sind – neben den strukturellen Defiziten – ein wesentlicher Grund dafür, dass Patienten mit schweren chronischen Leiden in der Endphase häufig schlecht versorgt sind. „Doch das Interesse von Ärzten und Angehörigen der Pflegeberufe an einer schmerz- und palliativmedizinischen Qualifikation ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen“, weiß Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. Die Fachgesellschaft Pressemitteilung PalliativNetz - 2 - bietet seit 2002 darum an verschiedenen Zentren im ganzen Bundesgebiet entsprechende Curricula an. Insgesamt 150 Ärzte aus ganz Deutschland haben inzwischen eine Basisqualifikation erworben. Hinzu kommen zirka 50 Ärzte, die sich darüber hinaus qualifiziert haben. Dies wird ihnen die Möglichkeit geben, die vom Deutschen Ärztetag beschlossene Zusatzbezeichnung „Palliativmedizin“ zu führen.

„Wir brauchen bundesweit nicht nur eine bessere Ausbildung von Ärzten und Pflegenden in Sachen Schmerz- und Palliativmedizin, sondern auch solche Strukturen, wie sie jetzt in Wiesbaden auf den Weg gebracht wurden“, fordert Müller-Schwefe. Experten haben inzwischen berechnet, was ein Ambulanter Palliativdienst pro Jahr kostet: 300000 Euro. Bei etwa 328 bundesweit erforderlichen Teams würden so Kosten von rund 100 Millionen Euro entstehen. Zum Vergleich: Für Krankenhausaufenthalte bezahlten die Kassen jährlich etwa 46 Milliarden Euro – und alleine die Verwaltungskosten verschlingen über acht Milliarden Euro.

Pisa-Studie für die Medizin. „Eine PISA-Studie im Gesundheitswesen würde einen Strukturwandel zu einer mehr zuwendungsorientierten Medizin – nicht nur am Lebensende – und eine Verbesserung der wohnortnahen schmerzund palliativmedizinischen Versorgung nach sich ziehen“, betont Müller-Schwefe. Denn in einer alternden Gesellschaft nehmen chronische Erkrankungen zu und die Patienten leiden vermehrt an verschiedenen Erkrankungen gleichzeitig. Das heißt , es besteht generell ein wachsender zeitintensiver Beratungsbedarf in allen Bereichen der medizinischen Versorgung. Nötig ist darum eine bessere Verteilung der zur Verfügung stehenden Mittel.

Wichtig ist vor allem, dass palliativmedizinische Strukturen mit den vorhandenen Ressourcen arbeiten, um die schwerkranken Patienten und ihre Angehörigen in ihrem häuslichen Umfeld pflegerisch, medizinisch aber auch psychosozial und spirituell zu betreuen. Immer wieder habe es Modellversuche gegeben, so der Schmerztherapeut, bei denen solche Strukturen entwickelt und überprüft wurden. Doch bislang hat es keiner dieser Ansätze geschafft, in die Regelversorgung integriert zu werden. „Es ist an der Zeit“, appelliert Müller-Schwefe an die Verantwortlichen, „mit dem Üben aufzuhören und die erforderlichen Entscheidungen zu treffen.“

Pressestelle Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie:

Barbara Ritzert
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