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Allgemeine Zeitung 05. JULI 2005

"Aktive Sterbehilfe falscher Weg"
CDU-Abgeordnete Klöckner: Hospize und häusliche Betreuung stärken

MAINZ - Alter und Krankheit gelten als Tabuthemen, und der Gedanke ans Sterben löst Ängste aus. Gleichzeitig ist es um die Versorgung Sterbender nicht gut bestellt. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Julia Klöckner ist Mitglied der Enquete-Kommission "Ethik und Recht der modernen Medizin", die die Verbesserung der Situation fordert.

INTERVIEW

Frage: Die meisten Menschen wünschen sich, in vertrauter Umgebung zu sterben, nicht allein gelassen zu werden und nicht unter Schmerzen leiden zu müssen. Wie sieht dies in Wirklichkeit aus?

Klöckner: Nur ein geringer Prozentsatz der Menschen stirbt friedlich zu Hause. Betreut und umsorgt zu sterben, setzt Strukturen voraus, die wir oft nicht mehr haben, beispielsweise weil Familien weit verstreut leben oder sich Sterbebegleitung nicht mit den Anforderungen der Berufswelt vereinbaren lässt. Hospize als Alternative sind nicht ausreichend vorhanden. Sie bieten sich aber aufgrund ihrer Atmosphäre an, und weil dort palliativ, also schmerzlindernd, behandelt werden kann.

Frage: Die Furcht vor einem schmerzvollen Sterben ist groß. Deshalb und angesichts der Zustände in vielen Kliniken sehen einige in der aktiven Sterbehilfe einen Ausweg. Sollte Deutschland wie Holland und die Schweiz dies zulassen?

Klöckner: Aktive Sterbehilfe ist der falsche Weg, weil er dem Wert und der Würde des Menschen nicht gerecht wird. Viele Menschen haben große Angst vor Schmerzen und wollen deshalb der Sterbephase entgehen, sie wollen auch nicht durch die Gerätemedizin überversorgt werden und niemanden zur Last fallen. Gerade deshalb ist eine bedarfsgerechte Betreuung Sterbender notwendig, vor allem in der Schmerztherapie. Es gibt viele Beispiele von Menschen, die ihr Leben beenden wollten und nach einer erfolgreichen palliativmedizinischen Behandlung die Welt wieder mit anderen Augen gesehen haben.

Frage: Die Enquete-Kommission hat einen Forderungskatalog vorgelegt. Was sind die wichtigsten Maßnahmen, um die Betreuung in der letzten Lebensphase zu verbessern?

Klöckner: Wir fordern einen gesetzlichen Anspruch auf bedarfsgerechte Palliativversorgung. Ganz entscheidend sind die bessere Aus- und Weiterbildung von Pflegekräften und Medizinern sowie eine Ausweitung der Forschung auf diesem Gebiet. Palliativmedizin sollte verbindliches Pflicht- und Prüfungsfach werden. Notwendig ist es, flächendeckend Palliative Care-Teams als Bindeglied zwischen stationärer und häuslicher Betreuung einzurichten. Denn Hausärzte sind mit der betreuenden Behandlung Sterbender oft überfordert. Und schließlich sollte die Einrichtung weiterer Hospize forciert werden. Nötig wären - so Fachleute - mindestens 35 Palliativbetten in Krankenhäusern und 20 Hospizbetten pro einer Million Einwohner. Noch gibt es deutlich weniger, wenn auch mit großen regionalen Unterschieden.

Frage: Welche Rolle sollten nach Ansicht der Kommission die Angehörigen spielen - und wie bekommen sie Entlastung?

Klöckner: Wir wollen die häusliche Sterbebegleitung stärken. Unterstützt werden die Angehörigen durch die Palliative Care-Teams. Außerdem fordern wir eine Freistellung berufstätiger Angehöriger für maximal drei bis sechs Monate. Ihre Sozialversicherung sollte in dieser Karenzzeit der Staat übernehmen.

Frage: Kranken- und Pflegeversicherungen kämpfen mit Defiziten, wie stellen Sie sich die Finanzierung vor?

Klöckner: Sicher müsste das über Umlagen und Einsparungen durch Schwerpunktverlagerungen beziehungsweise aus Steuermitteln finanziert werden. Was wir empfohlen haben ist inhaltsgeleitet, und es ist klar, dass dies nur umfassend greifen kann, wenn Wirtschaft und Arbeitsmarkt wachsen.

Das Gespräch führte:
Silke Jungbluth-Sepp

Presse

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